Bedeutende Klosterneuburger

Marzellin Ortner
Laienbruder und Verteidiger während der Türkenbelagerung 1683

Da die Lebensgeschichte dieses Mannes schicksalshaft und untrennbar mit der zweiten Türkenbelagerung Wiens und Klosterneuburgs im Jahr 1683 verbunden ist, präsentieren wir sie in Form eines entsprechenden Berichts aus der Zeitschrift «Wiener Zuschauer» des Jahres 1842:


Marzellin Ortner, der Layenbruder,
und die Vertheidigung Klosterneuburgs gegen die Türken
im Jahre 1683.
Von Maximillian Fischer, Chorherrn und Archivar des Stiftes Klosterneuburg

Oftmals haben Menschen, die in beschränkten Verhältnissen des Lebens sich befanden, Männer aus den entgegengesetzten Ständen, die es in der Welt gibt, Thaten unternommen, von denen wir nicht begreifen, wie sie daran denken, oder selbe zu vollbringen im Stande seyn sollten, da sich, ihrer Lebensbestimmung nach, bei ihnen weder Tauglichkeit noch Geschicklichkeit vermuthen ließen, während sie eine kaum glaubliche Thätigkeit und Umsicht entwickelten.

Die Geschichte lehrt, daß oft unbedeutend erscheinende Ereignisse der Hauptsache den größten Vorteil geleistet, sogar zuweilen auf selbe von solchem Einflusse gewesen, daß ohne sie sicher der Hauptzweck gänzlich unnerreicht geblieben seyn würde.

Portrait 1
Marzellin Ortner
Solch ein dem Schein nach unbedeutender Mann war der, in der Aufschrift genannte Layenbruder des Stiftes Klosterneuburg, und doch machte er sich für Österreich so wichtig, daß er in der Provinzialgeschichte dieses Landes mit Recht genannt wird und zu den seltene Menschen gerechnet werden muß.

Bei der Erzählung der heldenmüthigen Vertheidigung Wiens unter Starhemberg's Leitung, dem als fleißiger Späher auf der Höhe des Stephanthurms Sebastian Philibert Caron, Priester und Chorherr des Stiftes St. Dorothea, wesentliche Dienste leistete, dürfte auch der Layenbruder von Klosterneuburg dankbar erwähnt werden, da durch dessen Heldenmuth allein die ersten Stürme der Türken auf die Mauern Klosterneuburgs abgeschlagen wurden, und so die Verbindung Wiens mit dem Tullnerfelde und dem linken Donauufer nie gänzlich unterbrochen ward.

O r t n e r , aus einer nur dürftig bemittelten Familie zu Altötting in Baiern, am 26. Juli 1633 geboren, erhielt in der Taufe den Namen G e o r g , besuchte als Knabe die Schule in seinem Geburtsorte, wo er Lesen und Schreiben sammt einigen Rechenexempeln erlernte, und kam dann zu einem geschickten Tischlermeister in die Lehre, um einst durch dieses Handwerk sein Brot zu erwerben. An Fähigkeiten mag es dem Meister und Lehrlinge nicht gemangelt haben, und beide scheinen sich in Tischlerarbeiten vor den gewöhnlichen Arbeitern in diesem Handwerke ausgezeichnet zu haben, da O r t n e r sich selbst einen Ebenisten. d. i. einen Kunsttischler, nannte, und auch noch als Layenbruder sich als solchen bewährte.

Georg O r t n e r kam nach Österreich und wurde auf seine Bitte im Stifte Klosterneuburg, am 2. Juli 1657 als Layenbruder eingekleidet, und erhielt den Namen M a r z e l l i n. Nach vollendetem Probejahr legte er als Layenbruder die feierlichen Gelübde ab, und wurde nach einigen Jahren zum Dienst in der Sakristei angestellt. Als Sakristan verfertigte er neue, zur Aufbewahrung und Auflegung der Kirchenparamente geeignete Kasten, die sehr nett und zierlich gearbeitet waren, so daß er
Der gestrig Tag Nit Wider kehrt
Bleibt ganz und gar vergeßen
Gar wenig ich gott verehrt
Dich zu erzürnen mich vergeßen
Also bitt ich dich Herr Jesu Christ
Thue solches Mir verzeihen
Bewahre mich vor des teuffls lyst
Thue den Himmel mir verleihen

F. MARCELIN ORTNER
MDCLXXVI. AETAT.SVAE.44.AN
sich dadurch den Beifall seiner Oberen erwarb und bei vielen Geistlichen des Hauses beliebt machte. Seiner Geschicklichkeit wegen, und weil er auch des Lesens und Schreibens wohl kundig war, vertraute ihm der Stiftsprobst die Leitung der Hausökonomie, und stellte ihn zum Kämmerer des Stiftes auf. Da er bei dieser Anstellung viel mit der Welt zu thun hatte und nicht immer nach den Ansichten und Forderungen des Probstes handelte, wurde er bald wieder von der Verwaltung des Kammeramtes entfernt, und der begangenen Leichtfertigkeiten wegen gestraft. Seiner Busse wird in einem Votivbilde erwähnt, welches noch gegenwärtig in der sogenannten Freysingerkapelle, im Kreuzgange, neben dem dortigen Frauenaltare zu schauen ist, wo M a r z e l l i n kniend vor dem Schutzheiligen des Stiftes, in der damaligen Kleidung der Layenbrüder, seine Schuld bekennt und bereut.

Nach einiger Zeit wurde M a r z e l l i n abermals zum Dienste in der Sakristei berufen, und verfertigte jen schönen hohen Kasten von Nußbaumholz, in welchen noch gegenwärtig dieübrigen Kirchenschätze aufbewahrt werden, welche in Meisterstück der Tischlerkunst, und mit Kapitälern und Schnitzarbeit geziert sind, die dem Meister jederzeit Ehre machen.

Zur Zeit der großen Pest im Jahre 1679 flüchteten sich, nach Aufstellung eines Priesters für die Pestkranken, sämmtliche Geistliche des Stiftes; nur M a r z e l l i n blieb mit dem Aufseher über das Refektorium, der gleichfalls ein Layenbruder war, und zwei Diaconen zur Bewachung des Stiftes zurück.

Ebenso standhaft blieb M a r z e l l i n im Stifte zurück, als im Jahre 1683 die Türken vor Wien zogen, und Niemand daran zweifeln konnte, daß sie nicht auch Klosterneuburg angreifen würden. Mit ihm blieb auch der im Jahre 1682 zum Priester geweihte Wilhelm L e b s a f t, welcher noch als Diakon, sich vor der Pest nicht geflüchtet hatte, zur Seelsorge zurück. Der Dechant war mit den Gebeinen des heiligen Leopold zuerst nach Wittingau dann nach Passau geflüchtet, und als er diesen Schatz dort in Sicherheit gebracht, ging er über St. Nikola, wo der Probst mit einem Theile der Stiftsgeistlichen Aufenthhalt gefunden hatte, nach Ranshofen, wo die übrigen Chorherren aufgenommen waren.

Bald nach dem Abzuge der Stiftsglieder rückten die Türken heran, brannten in der Nacht vom 7. zum 8. Juli das Camaldulensakloster auf dem Kahlenberge ab, und thaten bald das selbe Leid an der Kirche auf dem Leopoldsberge. Von da streiften Tartaren in das Weidlinger Thal, kamen bis an Klosterneuburg, dem sie aber diesmal noch kein Leid zufügten, weil sie sich wahrscheinlich an Zahl zu gering hielten, um diese geschlossene Stadt zu überfallen.

Bei dieser drohenden Gefahr für Stadt und Stift faßte M a r z e l l i n den heldenmüthigen Entschluß, Klosterneuburg gegen die Türken zu vertheidigen, obgleich kein einziger Soldat vorhanden war. Zu diesem Zwecke rief er am 15. Juli die Stiftsdienstleute und die Bewohner der Stadt zusammen, erklärte ihnen die gewisse Gefahr, in der sie sich befanden, und forderte sie auf, lieber Leid und Leben bei einer Vertheidigung gegen den Feind zu setzen, als jetzt zu fliehen, wo sie gewiß, von den Türken ereilt, entweder auf das grausamste niedergemetzelt, oder in die elendste Gefangenschaft gerathen würden, in welcher sie kaum mit Verlängerung des Glaubens den geringsten Vortheil für ihr irdisches Leben zu erwarten hätten; wollten sie ihm aber bei der Vertheidigung bei der Stadt und des Stiftes beistehen, so rechne er, unter Gottes Beistand, sich und sie solange, unter Befolgung seiner Befehle, gegen des Feindes Angriff zu erwehren, bis durch Kriegsmannschaft ihnen Hilfe werde, oder wohl gar durch Ankunft des Kriegsheeres der Feind zurückgeschlagen würde. Seyen sie entsahlosssen ihm in Vertheidigung Klosterneuburgs beizustehen, möchten sie sich bei dem Trommelschlage auf dem Platze vor der Kirche einfinden, wo dann die nothwendigen Anstalten getroffen werden sollten. Wirklich hatten die Bürger Zutrauen in die militärische Kenntniß M a r z e l l i n s, denn als das Zeichen gegeben ward, fanden sich Stadt= und Stiftsleute an dem bezeichneten Platz ein, ließen sich in die Hauptstraße einzeichnen, und leisteten freiwillig den militärischen Diensteid.

Als Kommandant der freiwilligen Krieger vertheilt nun M a r z e l l i n die militärischen Befehlshaberstellen, und bestimmte für seine Mannschaft         Bartholomäus W i d m a n n   , den stiftlichen Rentmeister, zum Hauptmann über selbe; Wilhelmus K r ä m e r, aus Westphalen, zum Lieutnant, und Georg G a ß l e r, einen Tiroler zum Fähndrich. Für die Reiterei bestimmte er Christoph H a r t m a n n zum Wachtmeister, und zur Artillerie wurden Friedrich K a i s e r, Hans Georg K o l l e r und Johann W e i d u n g e n als Konstapler bestimmt. Auch einen gewissen P i n d e r von Klosterneuburg ernannte er zum Tambour.

Als der Frater seine Mannschaft in Compagnien und Rotten vertheilt hatte, brachte er aus dem stiftlichen Zeughause, die, schon seit mehr als 100 Jahren dem heiligen Leopold geweihte Fahne, und übergab sie dem Fähndrich, der sie zur Ehre der heiligsten Dreifaltigkeit, der heiligsten Jungfrau, und des heiligen Leopold neunmal schwang.

Die Tartaren auf den Hügeln außerhalb der Stadt sahen recht wohl diese kriegerischen Zubereitungen, und weil ihre Anzahl nur gerung war, trauten sie sich nicht, einen Überfall zu versuchen, sondern entfernten sich abermals von Klosterneuburg, und statten darüber im türkischen Lager Bericht ab, wodurch die in der Stadt Eingeschlossenen wenigstens Zeit hatten, sich in bessere militärische Verfassung zu versetzen.

Die Tuerkenbelagerunf
Die Türkenbelagerung von 1683. Kupferstich von Johann Martin Lerch. 1683

In größerer Anzahl kamen die Türken am folgenden Tage, den 16. Juli, bemächtigten sich gleich der untern Stadt, zündeten selbe an, und es verbrannten an 300 Häuser, die alte Pfarrkirche St. Martin, und Kirche und Kloster der Franziskaner. Während des Brandes, an dessen Löschung nicht zu denken war, machten sich die Türken auch an die obere Stadt, und versuchten bei der alten Habspurgerburg, die am Ecke der Stadt, gegen das Kirlingerthal erbaut war, einen Sturm, der aber tapfer und glücklich abgeschlagen wurde.

Der heftige Brand der unteren Stadt hätte dem Unternehmen der Türken bald den erwünschten Erfolg verschafft; denn da der Wind eine Menge brennender Schindel, Heu und Strohbündel und andere brennende Stoffe über die Dächer des Stiftes und der Stadthäuser verbreitete, fing es wirklich an mehreren Stellen zu brennen an, und nur M a r z e l l i n's Vorsicht und Thätigkeit erstickte das Feuer. Da den Türken der Sturm mißlang, und sie auch gleich von Klosterneuburg abzogen, so gewannen die Belagerten wieder Zeit, sich bei den Löschanstalten einzufinden und dem Brande allenthalben zu steuern.

Dadurch ward nun die Gefahr erkannt, in welche die Belagerten kommen mußten, wenn es dem Feind gelänge, das Stift und die obere Stadt in Brand zu stecken, und um diesem Unglücke nach Möglichkeit vorzubeugen, machte M a r z e l l i n Vorkehrungen, daß das Stift gegen die Seite der unteren Stadt vom Feuer mehr gesichert seyn möchte.

Da jetzt ein Paar ruhige Tage folgten, wandte der Layenbruder all seine Zeit darauf, mit Priester Wilhelm und dem Hauptmanne alle vom Stifte nach Außen gehenden Fenster mit Ziegeln zu verlegen, um wenigstens einem Flugfeuer, das von Innen zünden könnte, vorzubeugen. Da diese Arbeit längere Zeit dauerte, und die beiden Geistliche mit dem Hauptmanne wenig sichtbar waren, erregten Furchtsame den Verdacht, diese Männer hätten sich geflüchtet, und man fing zu schreien an, daß man verlassen sey und nun unfehlbar zu Grunde gehen müsse, wenn die Türken abermals gegen die Stadt rücken würden. Im Augenblicke dieser verzweifslungsvollen Angst sah man keine umherstreifenden Türken, und so nahmen 350 Personen von der Besatzung mit Gewehr, Sack und Pack Reißaus und flüchteten aus der Stadt; aber viele derselben wurden von den lauernden und herumstreifenden Türken elendiglich niedergemacht.

Jetzt erst berichtete man M a r z e l l i n diesen Umfall, der aber sogleich mit den Priestern vor den Treugebliebenen erschien, deshalb keine Verlegenheit und Furcht äußerte und sie zur Standhaftigkeit und Tapferkeit ermunterte; er forderte nochmal den Militäreid und gab ihnen seinerseits die Versicherung, sie in keinem Fall zu verlassen. und betheuerte, sich lieber in Stücke hauen zu lassen, als von ihnen zu weichen. Dadurch stärkte er die zurückgebliebene Besatzung dermaßen, daß sie den Verlust, den sie an Zahl durch die Angreifer erlitten hatten, gar nicht achteten, und alle Furcht vor ihren Augen verschwand.

Noch am nämlichen Tage, dem 18. Juli, kam, von dem Herzog von Lothringen entsendet, ein Lieutenant mit 48 Mann, mit dem Auftrage, den Ort und die Mannschaft zu besichtigen, damit man wüßte, ob es möglich sey, die für den Entsatz Wiens so wichtige Stadt Klosterneuburg zu vertheidigen.

Der Offizier sah die trefflichen Anstalten, welche M a r z e l l i n getroffen, und schickte durch einen Bothen an den Herzog die Erklärung, Klosterneuburg sey in haltbarem Zustande. Über diese freudige Nachricht sandte derselbe noch 30 Mann zur Besatzung und Munition in die Stadt.

Kurz darauf, am Annatag, kamen die Türken mit starker Macht vor Klosterneuburg, nämlich 39 Fahnen, Spahi und 9 Fahnen Jsnitscharen. Sie fingen sogleich heftig zu stürmen an, so zwar, daß sie von einer Seite in die Ringmauer schon ein Loch von 6 Fuß Höhe und 4 Schuh Breite gemacht hatten, die Sturmleitern anlegten, und die Besatzung zur äußersten Gegenwehre zwangen. M a r z e l l i n s Bitten und Zureden erhielten diese in ihrer Standhaftigkeit. Die Tapferen griffen zu den verweifelsten Mitteln, warfen von der Mauer Steine und Ziegel auf die Türken von denen sie eine große Anzahl tödteten, auch den Bascha, der den Sturm befehligte, verwundeten, worauf derselbe den Rückzug zu nehmen befahl. Ihren Abzug bezeichneten sie mit Abbrennen der Wienervorstadt, wo sie auch das am Ende derselben stehende Stiftsspital den Flammen Preis gaben. Ein Zufall, der sich bei diesem Brande ereignete, war für die Besatzung eine vorzügliche Ermuthigung zur standhaften Gegenwehr gegen die, noch mehrmals Klosterneuburg stürmenden Türken.

Im Hofe dieses Gebäudes waren die Ställe für die kais. Jagdhunde, und diese gerade in den selben während des Brandes eingesperrt. Das Feuer wüthete von allen Seiten, besonders heftig, als die nahe stehende Kirche brannte; selbst der an dem Stalle stehende grüne Nußbaum ward von den Flammen verzehrt, und dessen ungeachtet blieb der Stall sammt den Hunden unversehrt.

Erscheinung
Himmelserscheinung des Hl. Leopold Miniatur aus einem Rotelbuch -
Sie bezieht sich auf ein früheres, 1683 bereits bekanntes Ereignis
Die, weiß Gott wie, schon früher entstandene Sage, daß diese Hunde von jenen abstammten, welche den wohlbekannten Schleier der seligen Agnes, der Gemahlin des heiligen Leopold aufgefunden haben, und die jetzt auf eine so unerwartete Weise von dem Brande befreit geblieben waren, legten die Belagerten als ein sicheres Vorbedeutungszeichen ihrer Erhaltung vor der Türkengewalt aus. Dazu gesellte sich noch eine neue Sage, nämlich, daß Manche in der unteren Stadt, von ihren Verstecke aus, den heiligen Leopold in blauem Mantel, seinem Brautkleide, oberhalb dem stiftlichen Getreidekasten schwebend, in den Lüften als Schirmer Klosterneuburgs wollten gesehen haben, wodurch sie sich eines unmittelbaren himmlischen Schutzes durch Leopolds Fürbitten getrösteten.

Tags darauf kamen viele Christen, die den Türken entlaufen waren, nach Klosterneuburg, und brachten viel Nachricht, daß der gestern bei dem Sturme verwundete Pascha geschworen, nach seiner Herstellung den ihm angethanen Schimpf blutig zu rächen.

Von nun an arbeitete die ganze Besatzung jeden Alters und Geschlechtes mit doppeltem Eifer an der Herstellung der stark beschädigten Stadtmauer, mit dem festen Vorsatze, sich noch öfter so muthvoll den stürmenden Türken entgegenzustellen.

Am 8. August setzte General H e i ß l e r über die Donau, und schlug das türkische Kommando, das zur Bewachung des rechten Donauufers bei Klosterneuburg aufgestellt war. H e i ß l e r machte bei dieser Gelegenheit viele Gefangene und erbeutete 248 Kamele, die er nach Klosterneuburg brachte.        Noch am nächsten Tage kam General V e c c i o in die Stadt um als Kommandant bei der Besatzung zu verbleiben, wodurch selbe in ihrem Muth noch gestärkt wurde.

Nun ward immerthätiger an der Ausbesserung der Mauern fortgearbeitet, und die Mannschaft täglich in den Waffen geübt. Sie that alles willig und freudig, da sie einen erfahrenen Krieger an ihrer Spitze hatte, und sich des himmlischen Beistandes versichert hielt.

Vier Wochen waren nun schon seit den letzten gefahrvollen Stunden verflossen, und manche leichtsinnige Einwohner, die sich aus ihren Behausungen in der unteren Stadt geflüchtet hatten, dachten nun wieder, ihre Wohnstätten aufzusuchen und daselbst zu verbleiben; allein am 22. August kamen die Türken, besetzten die untere Stadt, mordeten den größten Theil der Zurückgekehrten und schleppten die anderen fort. - Nur Wenigen gelang es, zu entfliehen. Die Türken gingen wieder ab, aber am folgenden Tage kamen sie 6000 Mann stark, verheerten durch Feuer und Plünderung, was vom vorigen Brande noch übrig war; doch wurden auch sie durch einen Ausfall aus der oberen Stadt, der durch die Besatzung kräftig unterstützt wurde, vertrieben und viele getödtet. Da aus dem Stifte ein heftiges Kanonenfeuer auf sie gerichtet ward, ergriffen die Türken die Flucht mit dem Vorsatz, bald wieder in größerer Anzahl und Macht diese winzige Festung zu erstürmen.

Der Herzog von Lothringen, da er vernommen, wie standhaft sich Klosterneuburg vertheidige, schickte der geringen Besatzung 200 polnische Soldaten zur Unterstützung, die dann zur Nachtzeit in die Stadt eingelassen wurden, gerade zur rechten Stunde; denn am darauf folgenden Tage kamen 13.000 Türken vor derselben an, mit dem Vorsatz, sich durch Sturm der oberen Stadt zu bemächtigen.

Ortner & Lebsaft
Die Verteidiger (Ortner und Lebsaft) nach einem
türkischen Angriff - Lithographie von J. N. Geiger
Nun galt es Leben oder Tod; aber Militär und Bürger, Inwohner und Dienstleute fochten tapfer vor der Stadtmauer gegen eine zehnfach überlegene Barbarenschaar, und unterstützten sich recht brüderlich in diesem äußersten Kampfe. Die beiden Geistlichen verließen die streitenden Christen nicht einen Augenblick, sprachen den Kämpfenden Muth zu, suchten sie stets in Ordnung zu halten, brachten die Beschädigten in Sicherheit, sorgten für augenblickliche Hilfe, und so wurde ihre, von Gottes Beistand unterstützte, einträchtige Tapferkeit und Ausdauer das stärkste Ungewitter aller auf Klosterneuburg gemachten türkischen Stürme, ohne beträchtlichen Verlust, von der schon hart bedrängten obern Stadt gewendet.

Am folgenden Tage, 28. August, sahen sie von den Stadtmauern und Stürmen General H e i ß l e r mit den Türken ein Gefecht bestehen, in welchem er mehrere Feinde tödtete und auch Gefangene machte. Ein ähnliches Gefecht hatte derselbe General am 7. September auf dem nämlichen Platze, von wo er die Türken vertrieb, die mehrere gefangene Christen zurücklassen mußten. Nicht unbeträchtlich war die Beute, die H e i ß l e r beide Male machte.

Am Maria Geburtsfeste bewies der genannte General wahren Heldenmuth, da er mit 300 Mann den 5.000 anrückenden Türken entgegenging, und im Schiefer Garten gegen die Donau sich mit ihnen in ein Handgemenge einließ, die ganze andringende Macht aufhielt, dann zum Weichen brachte, endlich zur Flucht zwang, auf der sie viele Todte zurücklassen mußten. Von nun an war für Klosterneuburg Ruhe gekommen, die bald darauf durch den glänzenden Entsatz der Hauptstadt zur Sicherheit vor diesen Barbaren wurde.

General V e c c i o, der Kommandant, rief am folgenden Tage den Konstapler Hans Georg K o l l e r, und gab ihm den freudenvollen Auftrag sich auf den Kahlenberg zu schleichen, dort 3 Feuer anzuzünden, einige Handgranaten zu werfen und 6 Raketen steigen zu lassen, um dem beängstigten Wien den Anzug des Entsatzes zu verkünden.

So freudenvoll für die Kaiserstadt die anrückende Hilfe seyn mußte, ebenso erwünscht war diese Nachricht auch für Klosterneuburg, das schon hart bedrängt war, weil die Zufuhr aus dem Tullner Feld nur selten möglich wurde, da die Türken Schluchten und Berge durchstreiften und das Übersetzen der Donau ebenso unsicher war. So wie es an Lebensmitteln leicht gebrechen konnte, so war auch die Munition schon sehr vermindert, und wären die Türken mit schwerem Geschütz auf die der Stadt nahe liegenden Hügel gezogen, so konnten sie leicht aus dem ganzen Städtchen einen Schutthaufen machen und es verbrennen, da die stark beschädigte Stadtmauer den Kanonen kaum widerstanden hätte und dann sicher die tapfere Besatzung sammt den Bewohnern niedergemetzelt worden wären.

Der Entsatz der Hauptstadt Wien, am 12. September, war eine Festkunde für Deutschland insbesondere, ja für die ganze europäische Christenheit; aber auch die Vertheidigung Klosterneuburgs durfte nicht alles Werthes entbehren, da seine Lage an der Donau, oberhalb des Kahlenberges, die Türken an diesem Stromufer niemals festen Fuß fassen ließ, daher die Verbindung mit dem linken Donauufer nie gänzlich auf diesem Punkt unterbrochen wurde, und auch der Heeranzug durch das Tullnerfeld gegen das Kahlengebirg erleichtert ward.

Probst Sebastian von Klosterneuburg, der mit einem Theile der Stiftsgeistlichen zu Sankt Nikola bei Passau Unterstand erhalten, schickte die erhaltene Freudenpost nach Ranshofen, wo der Stiftsdechant mit den übrigen Chorherren Zuflucht gefunden. sie verabredeten sogleich die baldigste Rückkehr in ihr Stift, von dem sie seit ihrer Entfernung aus selbem, ein Vierteljahr lang, nichts als schwankende Nachrichten erhalten konnten. Am 5. Oktober kamen sie nach Klosterneuburg zurück, wo sie ihr Stift zwar vor Raub und Brand bewahrt, aber den einzigen zurück gebliebenen Priester als Leiche fanden, da er nach dem Abzuge der Türken, aus Erschöpfung auf das Krankenlager hingestreckt, am 4. Oktober, 27 Jahre alt, gestorben war, daher ihn der Probst mit seinen Geistlichen und allen Bewohnern der Stadt nur noch die letzte Ehre erweisen konnte.

Das Elend, welches die Belagerten erlitten hatten, führte bei dem Eintritte der Ruhe in Folge des beständigen Nervenreizes durch Furcht vor dem Verluste des Eigenthums und Lebens, sowie bei denen, welche in Wäldern und Schluchten und auf Auen und Inseln sich versteckt hatten, und fast nie ein Obdach und ordentliche Nahrung fanden, ein Heer von Krankheiten herbei, von denen in dem Pfarrbezirke der oberen Stadt allein innerhalb 6 Monaten 421 Personen eine Beute des Todes wurden.

Die untere Stadt war gänzlich abgebrannt, wie auch die auf dem Hügel liegenden Vorstadtgassen, und da viele Häuser gänzlich in Schutt verwandelt waren, auch manche der vorigen Besitzer sammt der Familie verschwunden, da sie entweder verödtet oder im Elende gestorben oder in die Gefangenschaft hinweggeschleppt waren und nie mehr zum Vorschein kamen; da überdieß die große Pest erst vor einigen Jahren in beiden Pfarren 12.000 Menschen dahingerafft hatte, so blieben manche Wohnstätten nun öde liegen, und sind bis auf den heutigen Tag entweder Brandstätten oder wurden in Wiesen und Gärten verwandelt, und so die Anzahl der Häuser in der Stadt bedeutend vermindert.

Marzellin O r t n e r, der sich durch seine Unerschrockenheit und Muth in Klosterneuburg ein unsterbliches Verdienst erworben und den größten Dank verdient hatte, war zur Zeit der Belagerung als Sakristan im Stifte angestellt. Um ihn zu belohnen, wurde er zum Küchenmeister befördert, fing aber bald zu kränkeln an, sodaß er am letzen Oktober 1685 diesem Amt schon entsagte, und durch eine Lungenkrankheit in ein langes Siechtum verfiel, dem der Tod am 17. Juni 1692, in seinem 59. Lebensjahr ein Ende machte.

Dr. S a r t o r i gab Marzellin O r t n e r's Biographie im ersten Hefte seines österreichischen Pantheons, kopirte sein Porträt von dem obgenannten Bilde in der Freysinger Kapelle und ließ selbes in Kupfer stechen, um diesen seltsamen Helden bei der Nachwelt im gebührenden Andenken zu bewahren.



Quellen:
Maximillian Fischer: Marzellin Ortner, der Layenbruder, im Wiener Zuschauer, 1842 Nr 71-73
Klosterneuburg Geschichte und Kultur, Band 1 - Die Stadt
Floridus Röhrig: KLOSTERNEUBURG in alten Ansichten, 1973
Gestaltung: Dipl.-Ing. Heinz Köfinger